Mex †

 

19. Dezember 2008: Ein Anruf von der Amtsveterinärin: Sie hat einen Schäferhund beschlagnahmt und findet so schnell keine Unterkunft für ihn. Oh nein, bitte kein Schäferhund, denn seit unser geliebter Irischer Wolfshund von einem Schäferhund tot gebissen wurde, sind wir dieser Rasse nicht mehr besonders zugeneigt. Gut, dann gibt es für den Hund keinen anderen Weg… Oh nein, das bitte auch nicht, schnell überlegen, wohin mit dem Hund, irgendwie finden wir doch immer einen Weg, ein Tier in Not unterzubringen. Gut, bringen Sie den Hund.

 

Wir haben einen alten Hof gekauft, mehr für die Tiere als für uns selbst. Es ist noch nicht alles fertig, aber die kleine Stube ist frisch renoviert und sauber. Ein paar Decken dienen als weiches Lager auf dem warmen Fußboden, Wassernapf, Futternapf - der Hund kann kommen. Die Tierärztin fährt auf den Hof, sie kommt vom Tierarzt: Der Hund sei unterernährt und ausgetrocknet, sei voller Parasiten und in absolut verwahrlostem Zustand bei seinem Besitzer beschlagnahmt worden. Sie öffnet den Kofferraum, und ich blicke in die trostlosen Augen eines geschundenen Tieres, sehe die unendliche Not dieses Hundes. Mühsam springt er aus dem Auto, lässt sich eher fallen. Ich sehe das wahre Ausmaß von „Verwahrlosung“: Mit rundem Rücken, gesenktem Kopf und unterwürfigem Blick sieht mich ‚Mex’ an, der es ganz offensichtlich gewohnt ist, verprügelt zu werden. Der Körper ist zum Skelett abgemagert, das ehemals lange Fell ist schütter und lässt Haut sehen, die übersät ist von Flohbissen, kein Millimeter Haut ohne Biss. Mex kann kaum stehen, die Muskulatur ist wegen Bewegungsmangels zurückgebildet, und er hat mindestens fünf Zentimeter lange Fußnägel. Erschüttert sehe ich auf dieses Häufchen Elend herab, das mich - zaghaft Schwanz-wedelnd - fragend ansieht, ob er wohl kurz ins Gras dürfte? Ja, Mex.

 

Mex kuschelt sich bescheiden in die Decken. Er hat sein Futter schnell aufgefressen und wollte mehr, aber das geht nicht, der Magen ist nach dem langen Hungern ganz klein geworden und braucht häufige, kleine Portionen, bis er sich erholt hat. Mex trinkt den Wassernapf in einem Zug ganz leer und sieht mich erstaunt an, als ich den Napf erneut mit frischem Wasser gefüllt neben ihn stelle. Eine liebe Tierschutz-Freundin schaut kurz vorbei und ist fassungslos, als ich ihr Mex zeige. Sie liebt die Tiere genauso wie wir, spricht leise und lieb mit dem Hund und fährt los und holt eine ganze Tüte voll feiner Leckereien, um Mex nach entbehrungsreicher Zeit eine Freude zu machen.

 

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© Bartling, Nachtkamp

 

Es ist Frühling geworden. Mex war nun schon ein Vierteljahr bei uns und hatte sich gut erholt. Aus dem Häufchen Elend ist wieder ein hübscher Deutscher Schäferhund geworden: Gut genährt mit kräftiger Muskulatur und langem, seidigem Fell und einem fröhlichen, selbstbewussten Gesichtsausdruck. Sicher, die Pfoten werden die Fehlstellung behalten, weil die Zehennägel zu lange viel zu lang waren. Der leichte Hoppelgang bleibt, weil Knochen und Muskulatur durch die entbehrungsreiche Zeit für immer geschädigt sind. Die Tierärztin, die Mex vor gar nicht langer Zeit zu uns brachte, kam kurz vorbei. Mex begrüßte sie freudig und lief fröhlich nach draußen zum Spielen. Sie blickte dem Hund erstaunt nach: „Ist das Mex?“ Ja, trotz der schlimmen Zeit und dem hohen Alter von mittlerweile 13 Jahren war Mex wieder prächtig und fein.

 

Für uns Tierschützer ist es wichtig, dass ein Tier wie Mex, das so viel Schlimmes und Grausames von Menschen erlebt hat, noch einmal ankommt und sein Leben von Fürsorge und Liebe umgeben genießt. Und so freute sich Mex über alles, was man ihm Gutes tat: Über seinen warmen, kuschelig-weichen Schlafplatz, über sein Futter und vielerlei Leckerein, über Spaziergänge bei jedem Wetter mit ausgedehnten Schnüffelpausen und über jedes gute Wort. Für uns war das alles selbstverständlich, für Mex aber schien jeder Tag ein neues high-light zu sein, das er dankbar annahm.

 

Natürlich hatte Mex viel zu lernen: Zunächst musste er sich in dem kleinen Hunderudel einordnen. Schnell war ihm klar, dass ‚Fips’, nach schlimmsten Misshandlungen fröhlich und flott im Rollstuhl unterwegs, der Chef im Rudel ist. ‚Chico’, schon fünfmal von einem Zuhause zum nächsten geschubst, ist der Kamerad, mit dem man spielen und fröhlich sein kann. Die Katzen waren weniger berechenbar für Mex: Ständig holte man sich eine blutige Nase, nur weil man die Katzen gerne jagte und ein bisschen Spaß haben wollte. Mex lernte schnell, dass die Katzen ihre Ruhe haben möchten und ignorierte sie einfach. Mex große Liebe galt den Kaninchen, die in einem schönen Gehege auf der Diele leben. Jeden Morgen lief Mex freudig zum Gehege und begrüßte die Kaninchen, beschnüffelte sie und leckte ihnen über die kleinen Köpfe. Anschließend legte sich Mex neben das Gehege, so dass wir ihm auch hier einen weichen Schlafplatz bereiteten. Sobald eines der Kaninchen für Mex unsichtbar in einer Strohhöhle schlief, holte er uns ganz aufgeregt, als wollte er uns sagen, dass ein Kaninchen verschwunden ist. Sobald wir ihm das schlafende Tier in der Höhle gezeigt hatten, legte er sich beruhigt wieder auf sein Lager.

 

So verging das Frühjahr noch mit Mex Gesundpflege. Der Sommer kam. Mex genoss die warme Sonne und liebte es, draußen auf seiner Decke zu liegen und vor sich hin zu dösen. Im Herbst zeigten sich bei Mex erste Magen-Darm-Probleme, die im Winter schlimmer wurden. Mit tierärztlicher Betreuung konnten wir die Probleme lindern. Schmerzen schien Mex nicht zu haben, denn er fraß gut und genoss freudig seine Spaziergänge. Der Frühling kam, es wurde wärmer. Uns allen war klar, dass Mex Lebensabend gekommen war, und wir wollten so gern gemeinsam mit ihm das wärmer werdende Wetter noch einmal genießen. Mex war dünner geworden, lief immer noch freudig mit uns, aber langsamer. 16. März: Heute Morgen ist Mex zum ersten Mal nicht sofort aufgestanden, als die Schlafzimmertür aufging, hob nur den Kopf. Dann ein ganz normaler Tag: Spaziergänge, füttern, schmusen, Kaninchen bewachen. 17. März: Mex lief mühsam, nur kurz raus, dann wieder Kaninchen bewachen, kaum gefressen. 18. März: Mex konnte nicht mehr aufstehen, mochte nichts fressen, nur trinken. Er lag auf seinem Bettchen neben den Kaninchen, warm zugedeckt. Den ganzen Tag über saß immer einer von uns neben dem Hund, streichelte ihn, bot Futter und Wasser an – Mex möchte nichts mehr, nur, dass einer bei ihm ist. Spätabends schlief Mex ganz ruhig in unseren Armen ein.

 

Mex, wir danken dir, dass du uns die Chance gegeben hast, dir zu zeigen, dass es Menschen gibt, die dich kameradschaftlich um deiner selbst Willen lieben. Wir danken dir für deine Liebe und dein Vertrauen. Danke für die Zeit mit dir.